Es ist wieder passiert. Ein neues Modell wurde angekündigt, und in meinem LinkedIn-Feed überschlagen sich die Superlative. „Revolutionär." „Paradigmenwechsel." „Alles wird sich ändern." Ich scrolle weiter.
Nicht weil ich KI für uninteressant halte – ganz im Gegenteil. Ich beschäftige mich seit Jahren intensiv damit, ich berate Unternehmen dazu, ich implementiere Lösungen. Aber genau deshalb reagiere ich allergisch auf den Hype. Denn ich weiß, was danach kommt.
Die Hype-Kurve kennt nur eine Richtung – nach unten
Gartner nennt es den „Peak of Inflated Expectations". Ich nenne es schlicht: das Muster. Ein neues KI-Tool erscheint, alle sind begeistert, Unternehmen investieren überstürzt, und sechs Monate später erklärt mir ein Geschäftsführer, warum „KI bei uns nicht funktioniert hat".
Dabei hat KI funktioniert. Nur nicht so, wie es versprochen wurde. Und nicht für den Anwendungsfall, für den es unüberlegt eingesetzt wurde.
„Das Werkzeug ist nicht schuld, wenn man mit dem Hammer eine Schraube eindrehen will."
Was ich stattdessen mache
Ich fange mit Fragen an. Nicht mit Antworten. Welches Problem soll gelöst werden? Welche Daten gibt es? Wer nutzt das System am Ende – und wie? Ist KI überhaupt das richtige Werkzeug, oder gibt es eine einfachere Lösung?
Manchmal ist die ehrliche Antwort: Nein, KI lohnt sich hier nicht. Das kostet mich möglicherweise einen Auftrag. Aber es stärkt meine Glaubwürdigkeit – und die Glaubwürdigkeit meiner Kunden gegenüber ihren eigenen Teams.
40 Jahre IT haben mir eines gelehrt
Technologie kommt und geht. Die Probleme, die sie lösen soll, bleiben. Ich habe Client-Server-Architekturen kommen und gehen sehen. Das Internet. Cloud. Mobile. IoT. Jede Welle brachte echte Innovation – und echten Überschwang.
KI ist anders als alle vorherigen Wellen. Sie ist mächtiger, vielseitiger und – ja – auch disruptiver. Aber das macht Nüchternheit noch wichtiger, nicht weniger.
Wer heute mit kühlem Kopf bewertet, was KI kann und was nicht, wer Erwartungen realistisch setzt und trotzdem mutig genug ist, echte Implementierungen anzugehen – der wird in drei Jahren noch da sein. Die Hype-Surfer werden dann auf der nächsten Welle unterwegs sein.
Was das für Ihr Unternehmen bedeutet
Sie brauchen keinen KI-Evangelisten. Sie brauchen jemanden, der Ihnen sagt, was möglich ist, was es kostet – und was Sie besser lassen. Jemanden, der den Unterschied kennt zwischen einem Fine-Tuned Model mit echtem Mehrwert und einem teuren ChatGPT-Wrapper.
Das ist keine Bescheidenheit. Das ist Professionalität.
— Michael Jung, Mainz, Februar 2026